Was wäre, wenn die Schulen nicht mehr öffneten…

Es ist Ende März und wir befinden uns in der letzten Woche vor den Osterferien. Die Schulschließungen wurden bisher „nur“ bis zum Ende der Osterferien beschlossen. Danach könnte der Schulbetrieb wieder aufgenommen werden. Aber was ist eigentlich, wenn das nicht passieren wird? Wie sollten sich Schulen für diesen Fall vorbereiten und was bedeutet das für Schüler*innen, Lehrer*innen und Eltern?

Sommerferien – eigentlich war das immer ein Wort, das Schüler*innen, Lehrer*innen und Eltern gern gehört haben. Aber was wird passieren, wenn die Sommerferien schon unfreiwillig im März eingeläutet werden müssen? Dieser Fall ist zwar noch nicht eingetreten, und man weiß auch nicht, ob es dazu kommen wird – die aktuellen Entwicklungen lassen ihn aber möglich erscheinen.

Trotz der Schulschließungen sollen die Schüler*innen bis jetzt einfach weiter zu Hause lernen. Doch was heißt eigentlich „zu Hause lernen“? Die Antwort sieht leider für viele Schüler*innen sehr unterschiedlich aus.

Von Arbeitsblatt bis Videokonferenz

Was Schulen unter Unterricht in Zeiten von Schulschließungen verstehen, deckt in der Praxis ein sehr breites Spektrum ab. Während die einen am letzten Schultag noch hastig ein paar Arbeitsblätter kopierten, damit die Schüler*innen genügend Übungsmaterial haben, sammelten andere die E-Mail-Adressen der Schüler*innen und Eltern ein, um Aufgaben und Übungsmaterialien online versenden zu können. Manch eine Schule nutzt Cloudlösungen (Dropbox, Google Drive, HPI-Schulcloud, Lernraum Berlin etc.), um Aufgaben auszuteilen und wieder einzusammeln. Aber ist das wirklich (digitaler) Unterricht? Wohl eher nicht…

Dann gibt es Lehrer*innen, die ambitioniert Videokonferenzen initiieren und eine Struktur aufbauen, die über Chat oder Sprachanrufe Austausch mit ihren Schüler*innen ermöglicht. Diese Bemühungen funktionieren teils gut. Manche Schüler*innen sind allerdings aufgrund ihrer technischen Ausstattung nicht für diese Art von Austausch vorbereitet oder befinden sich eher im Ferienmodus. Richtig glücklich scheint irgendwie keiner mit der Situation zu sein. Also, was tun?

Drei Schritte zum digitalen Unterricht

Aus unserer Erfahrung müssen drei Themenbereiche bedacht und in drei Schritten vorbereitet werden, um digitalen Unterricht zu ermöglichen. Wird einer dieser Themenbereiche vernachlässigt, bricht der geplante digitale Unterricht (zumindest für einige) wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

1. Synchrone Kommunikation und digitale Lerninhalte

Unterricht benötigt Interaktion. Nicht immer und ständig, aber Lernen ist und bleibt ein sozialer und emotionaler Prozess, daran ändern auch geschlossene Schulen nichts. Lehrer*innen müssen daher in die Lage versetzt werden, über ein synchrones Kommunikationsmedium mit Schüler*innen in Kontakt zu treten. Diese Art der Kommunikation unterschiedet sich natürlich vom normalen Schulbetrieb. Selbst über gut laufende Videokonferenzen gehen Sinneswahrnehmungen verloren. Es können nicht mehr so viele Schüler*innen auf einmal eingebunden werden. Die Kommunikation muss intensiver geführt werden, in kleineren Gruppen. Aber das ist möglich. Auch im normalen Unterricht gibt es nicht nur Kommunikationsphasen, sondern auch Input-, Arbeits- und Übungsphasen, in denen direkte Kommunikation nicht nur unnötig, sondern manchmal eher hinderlich ist. An dieser Stelle kommt das zweite Standbein des digitalen Unterrichts ins Spiel: die digitalen Lerninhalte.
Es gibt gute Möglichkeiten, Lernvideos oder interaktive Übungen ohne großen Aufwand in den Unterricht einzubinden: Sofatutor, Kappiert.de, Anton, Simple Club, Quizlet, Alfons etc. bieten digital eine Menge Material, um die Input-, Arbeits- und Übungsphasen für Schüler*innen so zu gestalten, dass sie selbstständig lernen und üben können. Die Rückmeldung des Lernerfolgs an die Schüler*innen oder Lehrer*innen und Eltern ist sogar leichter möglich als im regulären Schulbetrieb. Das schafft Raum, um die synchrone Kommunikation intensiver zu betreiben und Schüler*innen individueller zu betreuen.

2. Schulweite Struktur und Organisation

Ambitionierte Lehrer*innen arbeiten bereits wie beschrieben. Und doch klappt es nicht immer: Schüler*innen machen die Aufgaben gar nicht oder nur mit dem geringsten Aufwand oder erscheinen einfach nicht zur Unterrichtsstunde, die über Videokonferenz abgehalten werden soll. Woran liegt das? In diesen Fällen fehlt eine klare Struktur, die für alle Schüler*innen einer Schule verbindlich gilt. Schüler*innen können den regulären Schulunterricht auch verweigern oder einfach nicht zur Schule erscheinen. Allerdings kommt der Großteil von ihnen zur Schule und nimmt an der gut einstudierten Choreografie namens Schulalltag teil. Warum sollte es digital anders funktionieren? Auch der digitale Unterricht braucht eine schulweite Choreografie. Diese könnte so aussehen, dass alle Schüler*innen dazu verpflichtet sind, an den Kommunikationsphasen mit ihren Lehrer*innen teilzunehmen. Diese Phasen werden den Schüler*innen klar mitgeteilt und ihr Fehlen wird an die Schule und die Eltern gemeldet. Zudem sind die Übungen und Aufgaben, die durch die Lehrer*innen gestellt werden, nicht optional, sondern stellen wie im regulären Schulleben auch eine durch Schüler*innen zu erbringende Leistung dar. Dafür müssen Lehrer*innen natürlich in den Kommunikationsphasen empathisch erfassen, ob die Aufgaben und die damit gestellten Anforderungen realistisch zu erfüllen sind. Auch das kann von Schüler*in zu Schüler*in unterschiedlich sein, aber das ist nicht unbedingt pädagogisches Neuland.

3. Technische Möglichkeiten der Schüler*innen erfassen und Maßnahmen ergreifen

Dieser Schritt ist wahrscheinlich der aufwendigste, da die technische Ausstattung der Schüler*innen auch im Jahr 2020 extrem heterogen ist. Ein digitales Endgerät gehört noch nicht zur Standardausstattung von Schüler*innen. Es muss für jeden Schüler und für jede Schülerin erfasst werden, welche Art der synchronen Kommunikation und welche Art der Arbeitserbringung durch die technischen Voraussetzungen möglich sind. Aufwendig? Ja, natürlich, aber auch notwendig. Es darf keine Ausrede dafür sein, Schüler*innen vom Unterrichtsgeschehen abzuhängen und allein zu lassen. Die meisten Schüler*innen bringen ausreichende digitale Möglichkeiten mit. Fast alle Haushalte verfügen über digitale Endgeräte und eine Internetverbindung. Wenn technische Voraussetzungen fehlen, gibt es Möglichkeiten des Ausgleichs. Geräte können vermietet, geleased, geborgt oder sogar angeschafft werden. Letzteres ist nicht nötig, wenn man die in diesen Tagen oft bemühte Solidarität in der Gesellschaft auch im Bereich der Hardware übt. Viele Haushalte haben ungenutzte Endgeräte, während andere diese Endgeräte vermissen. Einen Austausch könnten Schulen innerhalb der Klassen oder über die Schulleitungen initiieren. Hat man erfasst, wie viele Geräte darüber hinaus benötigt werden, kann für diesen Bedarf über den Schulträger, Senat oder andere Strukturen (wie lokale Unternehmen) nach Lösungen gesucht werden. Und wenn am Ende die Erkenntnis steht, dass bei manchen Schülerinnen nur ein regelmäßiges Telefonat einen realistischen Austausch ermöglicht, dann ist auch das eine Möglichkeit, Beziehungsarbeit zu leisten und für Schülerinnen da zu sein.

Anpacken ist gefragt!

Ja, es ist viel Arbeit, diese drei Schritte ernsthaft zu durchlaufen. Doch es ist die Pflicht jeder Schule, sich nach bestem Wissen und im Rahmen der lokalen Möglichkeiten auf den Weg zu machen. Zudem mangelt es nicht an Hilfeangeboten. Auch wir stehen jeder Schule und allen Lehrer*innen mit Rat und Tat zur Seite.

Natürlich weiß niemand, ob das Szenario der Schulschließungen bis zu den Sommerferien überhaupt eintritt. Aber man sollte darauf vorbereitet sein. Noch ist Zeit, um Vorbereitungen und Maßnahmen in Angriff zu nehmen. Und selbst wenn die Schulen nach den Osterferien wieder öffnen sollten, werden sich dank der angestellten Überlegungen und Vorkehrungen auch neue Möglichkeiten für den regulären Schulbetrieb ergeben.

Daher der Appell an alle Schulen: Werden Sie aktiv, und zwar jetzt, denn noch kann man sich vorbereiten! Schulen, die jetzt nicht anpacken, lassen wissentlich oder unwissentlich ihre Schüler*innen, ambitionierten Lehrer*innen und Eltern im Stich. Schulen, die jetzt aktiv handeln, sind lern- und anpassungsfähige Lebensräume, die Schüler*innen ein eindrückliches Beispiel dafür geben, wie man mit Krisen und Herausforderungen umgehen kann.

Alexander Möller

Alexander Möller

Geschäftsführer Schlaufuchs Berlin e.V.

Motto: „Das, was wir sagen, ist, was wir sein wollen. Das, was wir liefern, ist, was wir wirklich sind.“ – Boris Grundl